Suchmaschinen und die ‚freie Software‘-Community

Treibende Kraft der Postmoderne – die Suchmaschinen

So wie im 18. und 19. Jahrhundert die Befähigung zur Gewinnung der Energie alle Lebensbereiche der Menschheit weitgehend veränderte und die Entstehung der Industrie ermöglichte, hat sich unser Leben heute unter dem Einfluss der von Megakonzernen beherrschten Suchmaschinen-Technologie bereits jetzt gravierend gewandelt. Diese durch Suchmaschinen-Technologien bedingten Umwälzungen dauern an – zum Positiven wie Negativen. Es gibt kaum einen Lebensbereich, der vom Siegeszug der Megakonzerne nicht betroffen ist. Hier eine willkürliche unsortierte Auflistung von Lebensbereichen, wo die Anwendung der Suchmaschinen-Technologie ein kleines oder gewaltiges Erdbeben in der jeweiligen Branche verursacht hat, verursachen wird bzw. die Existenz von kompletten Branchen/ Berufsständen wie bspw. Taxi/ Fahrer in Frage stellt. Einkaufen, Fitnessüberwachung, Kommunikation am Arbeitsplatz und in der Freizeit (Stichwort Google-Brille), Logistik-Organisation, Geheimdienst-Überwachung, Kriegsführung oder auch Manipulation der öffentlichen Meinung [6]. Die Liste kann fortgesetzt werden.

Das Verhältnis der etablierten Akteure – konventionelle Medien, Politik und Zivilgesellschaft – zu den Megakonzernen ist in diesen turbulenten Zeiten ambivalent. Vielseitige, zum Teil atemberaubende Möglichkeiten der Neuen Technologien muten Goldgräber-Stimmung an. Die Bundeskanzlerin spricht von einem Neuland [5], Presseverleger fürchten Verdrängungswettbewerb auf dem lukrativen Anzeigen-Markt und betreiben aktive Lobby-Arbeit [2], [7]. Was Megakonzerne, Presseverleger und die staatlichen Institutionen gemeinsam haben: Alle wittern das große Geschäft, investieren hunderte Millionen Euro in Big Data [8] und nutzen jede noch so winzige Gesetzeslücke, um persönliche Daten der Aborigines im digitalen Neuland zu sammeln.

Suchlösung für die GNOME-Fehlerdatenbank

Die freie Software-Community als Teil der Zivilgesellschaft hat das Nachsehen. Sie  kann die Augen vor den lauernden Gefahren der Suchmaschinen-Technologien genauso wenig verschließen, wie auf die Nutzung der kostenlosen IT-Infrastruktur der Megakonzerne zu verzichten, da die Kassen der Community  knapp bemessen sind und die Sorge, im digitalen Neuland den Anschluss zu verlieren bzw. ins Hintertreffen zu geraten, groß ist.

Die Entwickler der als freie Software [3] entwickelten Desktop-Umgebung GNOME [4] standen vor einer schwierigen Entscheidung, als sie sich vorgenommen haben, eine anwenderfreundliche Suchlösung für die Bugzilla-Datenbank anzubieten. Die Bugzilla enthält eine Sammlung aller gemeldeten Fehler, dazu Verbesserungsvorschläge zu der GNOME-Software. Die Diskussion Invite google to index bugs (Fehler für die Google-Indexierung freischalten) [10] startete im Mai 2004. Zehn Jahre und einige Diskussionen später wurde die Bugzilla im April 2014 für die Indexierung durch Google freigeschaltet.

In diesen 10 Jahren waren die Entwickler und Anwender bei den Recherchen zu bekannten Fehlern auf die Bugzilla-eigene Suche angewiesen. Diese Suche bietet im Vergleich zu Suchmaschinen der Megakonzerne weniger Komfort, hat einen geringeren Bekanntheitsgrad im Vergleich zu etablierten Suchmaschinen und wird viel weniger genutzt. Deswegen kommt es immer wieder vor, dass bereits bekannte Fehler mehrfach erfasst werden, was zu Mehraufwand und Verzögerungen bei der Fehlerbeseitigung führt. Zu den Ursachen für die 10 Jahre andauernde Diskussions- und Bedenkzeit schreibt ein Insider: „Hinderungsgründe waren zum einen technischer Natur; die Last, die ein Suchlauf von Google erzeugt, und Bedenken bezüglich der Privatsphäre der Nutzer.“ – GNOME Bugzilla jetzt für den Googlebot zugänglich, [9].

Unabhängigkeit, Offenheit der ‚freie Software‘-Community bewahren

Ich wünsche mir sehr, dass die Freischaltung von bugzilla.gnome.org-Inhalten für den Googleboot nur ein erster Schritt zu mehr Transparenz ist und die Inhalte der bugzilla.gnome.org-Website sowie gnome.org für weitere Suchmaschinen zugänglich gemacht werden. Geschieht das nicht, ist die Glaubwürdigkeit der GNOME-Community in meinen Augen beschädigt. Schließlich verpflichtet sich die Community auf der Homepage http://gnome.org solchen Werten wie „unabhängig, frei, vernetzt, international„. Die Öffnung der Website für nur eine Suchmaschine und die Sperrung von Inhalten für alle anderen Suchmaschinen ist meiner Meinung nach mit diesen Werten unvereinbar. Auf diese Weise schreiben die gnome.org-Betreiber quasi den Nutzern vor, entweder Google als Suchmaschine zu nutzen, sich mit der bescheidenen Bugzilla-eigenen Suche zu begnügen oder der Mitarbeit in Community-Projekten fernzubleiben. Einen zusätzlichen Beigeschmäckle bekommt dieses Suchprivileg, weil Google The GNOME Foundation sponsert [12].

Quellen


Dieser Artikel wurde lektoriert von R. von Barghorn


2 Gedanken zu „Suchmaschinen und die ‚freie Software‘-Community

  1. Gustav Wall Beitragsautor

    > da ich im Thread im GIMPforum ( http://gimpforum.de/showthread.php?t=22300 ) das Gefühl habe, nicht so ganz zu dir durchzudringen, gehe ich mal direkt an die Quelle …

    Wenn du damit meinst, dass ich bis dato nicht deiner Empfehlung gefolgt habe, mit dem Systemadministrator der gnome.org zu sprechen, dann habe ich meine Gründe bzw. Bedenken genannt, warum ich mir die Diskussion mit Sysadmin-gnome.org lieber sparen würde:

    Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass eine Indexierung von Inhalten in einer umfangreicheren IT-Infrastruktur wie diese bei Gnome Foundation vorzufinden ist, mit dem Entrümpeln eines Kellers zu vergleichen ist. Dabei sind Leichen im Keller eher die Regel. Ich nenne als Stichwörter Datenschutz und Duplikate. Die Sysadmins wissen Bescheid über die Leichen, haben nicht unbedingt Zeit, Lust, … sich mit diesen Leichen zu beschäftigen und da sie häufig über ziemlich einzigartiges Wissen verfügen und den Status „unersetzlich“ erworben haben, gestalten sich die Verhandlungen schwierig.

    Ich bin ziemlich skeptisch, dass es _mir_ als einem Außenstehenden gelingen würde, die Sysadmins dazu zu bewegen, die Website für andere Suchroboter zu öffnen. Ich würde mich sehr wundern, wenn die Position, die bei den Sysadmins zum Thema Suchroboter als Ergebnis einer 10 Jahre langen Diskussion herausgebildet hat, sich in ein Paar Wochen oder Monaten ändert. Du schreibst dazu im Forum:
    Hast du denn nun mal selbst mit GNOME (vorrangig den Sysadmins in #sysadmin, denn es ist zunächst ein technisches Problem) gesprochen?

    Im Unterschied zu dir ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass bei der Beantwortung der Frage „Für welche Suchmaschinen ist die Website gnome.org zugänglich?“ die Werte der GNOME Foundation „unabhängig, frei, vernetzt, international“ und nicht die technische Aspekte eine entscheidende Rolle spielen. Diese Angelegenheit zu einer rein technischen Frage zu degradieren würde für mich bedeuten einen Verrat an den o.g. Werten. Deswegen als ideal aus vielerlei Gründen würde ich sehen, wenn:

    1. vor dem oder parallel zu der Konzeption des Projekts „Öffnung von gnome.org für die Suchmaschinen“ technisches Datenschutz-Konzept der Gnome Foundation aktualisiert würde
    2. das Projekt „Bekanntmachung von gnome.org mit Hilfe von Suchmaschinen“ als ein Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit der Gnome Foundation konzipiert und realisiert würde.

    Gustav hat crawl-delay vorgeschlagen, aber das wird zumindest laut Wikipedia nur von wenigen Suchmaschinen unterstützt. Vielleicht weiß ja einer der Lèser konkret, was hier was bringt*, und was nicht, oder kennt direkt vergleichbare Einstellmöglichkeiten bei anderen Suchmaschinen?

    Zu diesen wenigen gehören der Roboter von Microsoft und Yahoo. Und hier Daten zur Nutzung von Suchmaschinen sieht man, dass Microsofts Bing und Yahoo die zwei Suchmaschinen sind, die neben Google eine nennenswerte Nutzerzahl vorweisen können.

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  2. Michael

    Hi,

    da ich im Thread im GIMPforum ( http://gimpforum.de/showthread.php?t=22300 ) das Gefühl habe, nicht so ganz zu dir durchzudringen, gehe ich mal direkt an die Quelle – da lesen es auch deine Leser, und vielleicht hat ja einer den entscheidenden Tipp.

    Also, zum Problem:

    Es geht darum, dass auf http://bugzilla.gnome.org aktuell jeder Bot außer dem Googlebot gesperrt ist, zumindest wenn sich der Bot an die robots.txt hält. Bis vor kurzem waren das noch alle, denn macht man das nicht, dann beantwortet das System nach kurzer Zeit im Millisekundentakt nur noch Botanfragen und ist damit ausgelastet.

    Nun kann man bei Google mit den Webmaster-Tools die Suchanfragen für die eigenen Sites limitieren, und wenn man da eine angemessene Zeit zwischen die Anfragen einstellt (im Sekundenbereich), dann funktioniert das ganz gut. Deswegen habens die GNOME-Sysadmins dann auch mal wieder eingeschaltet, und mittlerweile tauchen auch tatsächlich Bugs in Suchergebnissen bei Google auf.

    Es wäre schön, das auch in anderen Suchmaschinen zu haben. Vorzugsweise ohne dass der GNOME Bugzilla wieder ein Problem damit bekommt – entweder per deren Entsprechung der Webmaster-Tools, so vorhanden, oder anders. Gustav hat crawl-delay vorgeschlagen, aber das wird zumindest laut Wikipedia nur von wenigen Suchmaschinen unterstützt. Vielleicht weiß ja einer der Lèser konkret, was hier was bringt*, und was nicht, oder kennt direkt vergleichbare Einstellmöglichkeiten bei anderen Suchmaschinen?

    * P.S. ja, ich weiß, ein Bugzilla-Update. Was seitens der Sysadmins auch geplant ist, aber Zeit braucht.

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